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Neun von zehn haben nur positive Einträge – und trotzdem 5,6 Millionen Überschuldete: Die Zahlen hinter der Bonität in Deutschland
Die SCHUFA speichert Daten zu rund 68 Millionen Menschen. Die allermeisten davon sind unauffällig. Und doch gilt jeder zwölfte Erwachsene als überschuldet. Was die Statistik über dieses Land erzählt – und was sie verschweigt.
Von Johanna Brecht, Redakteurin für Verbraucherfinanzen · 23.8.2026 · 4 Min. Lesezeit
Wer einen negativen Eintrag hat, fühlt sich allein damit. Die Zahlen sagen etwas anderes – und gleichzeitig etwas Überraschendes: Die große Mehrheit der Menschen, über die Auskunfteien Daten speichern, ist vollkommen unauffällig. Beides stimmt. Zwischen diesen beiden Wahrheiten liegt das, was in Deutschland über Bonität selten erzählt wird.
Dieser Text legt die wichtigsten Zahlen nebeneinander, nennt ihre Quellen und ordnet ein, was sie für Sie bedeuten.
68 Millionen Menschen, eine Milliarde Datensätze
Die SCHUFA Holding AG speichert nach eigenen Angaben Daten zu rund 68 Millionen natürlichen Personen in Deutschland – praktisch jeder Erwachsene. Dazu kommen Daten zu Millionen Unternehmen. Pro Jahr beantworten die Systeme der SCHUFA mehr als 100 Millionen Anfragen von Vertragspartnern: Banken, Händler, Mobilfunkanbieter, Energieversorger, Vermieter.
Die Zahl, die am wenigsten bekannt ist: Zu mehr als 90 Prozent der gespeicherten Personen liegen ausschließlich positive Informationen vor – Konten, Karten, Verträge, die ordentlich laufen. Der negative Eintrag ist statistisch die Ausnahme. Wer einen hat, gehört zu einer Minderheit – aber zu einer Minderheit von mehreren Millionen Menschen.
Quelle: SCHUFA Holding AG, Unternehmensangaben und Jahresberichte.
5,6 Millionen Überschuldete – jeder zwölfte Erwachsene
Die Creditreform veröffentlicht jedes Jahr den SchuldnerAtlas Deutschland. Für 2024 weist er rund 5,56 Millionen überschuldete Erwachsene aus, eine Überschuldungsquote von rund 8,1 Prozent. 2023 waren es rund 5,65 Millionen (8,15 Prozent). Die Zahl sinkt seit einigen Jahren leicht – was die Creditreform unter anderem auf Beschäftigung und auf veränderte Zählweisen zurückführt, nicht auf ein Verschwinden des Problems.
Überschuldet bedeutet im SchuldnerAtlas: Die Summe der fälligen Zahlungsverpflichtungen übersteigt absehbar das, was aus Einkommen und Vermögen bezahlt werden kann. Das ist mehr als „Schulden haben“ – ein Kredit für ein Auto ist keine Überschuldung, solange die Raten laufen.
Die regionalen Unterschiede sind erheblich: In Bremen, Sachsen-Anhalt und Berlin liegen die Quoten seit Jahren deutlich über dem Bundesschnitt, in Bayern und Baden-Württemberg darunter. Innerhalb von Städten wiederholt sich das Muster zwischen Stadtteilen.
Quelle: Creditreform, SchuldnerAtlas Deutschland 2023 und 2024.
Rund 31.000 Euro – und die drei Auslöser
Das Statistische Bundesamt erhebt die Überschuldungsstatistik aus den Daten der Schuldnerberatungsstellen. 2023 lag die durchschnittliche Schuldenhöhe der beratenen Personen bei rund 31.000 Euro. Der Durchschnitt täuscht: Viele Fälle liegen bei wenigen tausend Euro – Mobilfunk, Versandhandel, Energie –, einzelne Fälle mit Immobilien- oder Selbstständigenschulden ziehen den Mittelwert nach oben.
Die häufigsten Hauptauslöser nach Destatis, über die Jahre stabil: Arbeitslosigkeit, Erkrankung/Sucht/Unfall und Trennung/Scheidung/Tod des Partners – zusammen rund die Hälfte aller Fälle. „Unwirtschaftliche Haushaltsführung“ folgt erst dahinter. Mit anderen Worten: Die Mehrheit der Überschuldungen beginnt mit einem Lebensereignis, nicht mit Leichtsinn.
Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Überschuldungsstatistik 2023.
Rund 70.000 Verbraucherinsolvenzen im Jahr
Die Verbraucherinsolvenz ist der letzte Ausweg – und sie wird genutzt: Destatis zählt in den letzten Jahren rund 65.000 bis 72.000 Verbraucherinsolvenzverfahren pro Jahr (2023: rund 66.000; 2024 leicht darüber). Seit der Verkürzung der Restschuldbefreiung auf drei Jahre (für Anträge ab Oktober 2020) ist das Verfahren attraktiver geworden.
Für die Bonität entscheidend: Die Information über die Restschuldbefreiung darf seit März 2023 nur noch sechs Monate gespeichert werden – vorher waren es drei Jahre. Die SCHUFA hat ihre Praxis nach Gerichtsentscheidungen und einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof angepasst.
Quelle: Destatis, Insolvenzstatistik; SCHUFA, Mitteilung vom März 2023; EuGH, Urteil vom 7. Dezember 2023 (C-26/22 und C-64/22).
Was die Statistik nicht sieht
Die Zahlen erfassen, wer in einer Schuldnerberatung war oder wessen Überschuldung aus Negativmerkmalen erkennbar ist. Sie erfassen nicht:
- Die Dunkelziffer. Wer sich aus Scham nicht beraten lässt, taucht nirgends auf. Beratungsstellen schätzen die Zahl der Betroffenen deutlich höher als die der Beratenen.
- Die „Beinahe“-Fälle. Menschen, die jeden Monat gerade so durchkommen, mit Dispo und Ratenkauf – nicht überschuldet, aber einen Zwischenfall davon entfernt.
- Die falschen Einträge. Die Statistik zählt Einträge, nicht deren Berechtigung. In FIAON-Akten sehen wir regelmäßig Einträge ohne ordnungsgemäße Mahnung, mit falschen Beträgen oder zu langer Speicherung – wie häufig das bundesweit vorkommt, erfasst niemand.
Was FIAON dabei übernimmt
FIAON beschafft die Auskunft, zerlegt sie in Einträge und ordnet jeden ein – berechtigt, angreifbar, falsch. Aus tausenden Akten entsteht dabei etwas, das keine amtliche Statistik hat: Wissen darüber, welche Gläubiger wie melden, welche Fristen wo nicht eingehalten werden und welche Schreiben wirken. Dieses Wissen fließt in jede Einschätzung zurück.
Was nicht geht
- Aus der Statistik ablesen, ob Ihr Eintrag berechtigt ist. Das zeigt nur Ihre Datenkopie.
- Mit dem Durchschnitt trösten. 31.000 Euro sind ein Mittelwert, nicht Ihr Fall.
- Die Zahlen auf Österreich oder die Schweiz übertragen. Dort gelten andere Systeme (KSV1870, CRIF, Betreibungsregister) und andere Zählweisen.
Das Wichtigste in drei Sätzen
Die SCHUFA speichert Daten zu rund 68 Millionen Menschen – und zu mehr als 90 Prozent davon nur Positives; der negative Eintrag ist die Ausnahme. Trotzdem gelten rund 5,6 Millionen Erwachsene als überschuldet, im Schnitt mit rund 31.000 Euro, meist ausgelöst durch Jobverlust, Krankheit oder Trennung. Die Statistik zählt Einträge, nicht ihre Berechtigung – und genau dort beginnt die Arbeit.
Quellen
- Creditreform: SchuldnerAtlas Deutschland 2023 und 2024 (creditreform.de)
- Statistisches Bundesamt: Überschuldungsstatistik 2023; Insolvenzstatistik 2023/2024 (destatis.de)
- SCHUFA Holding AG: Unternehmensangaben, Jahresberichte, Mitteilung zur Speicherdauer der Restschuldbefreiung (März 2023) (schufa.de)
- Gerichtshof der Europäischen Union: Urteile vom 7. Dezember 2023, Rechtssachen C-634/21 sowie C-26/22 und C-64/22 (curia.europa.eu)
Häufige Fragen
Wie viele Menschen in Deutschland gelten als überschuldet?
Nach dem SchuldnerAtlas der Creditreform waren es 2024 rund 5,56 Millionen Erwachsene – eine Quote von rund 8,1 Prozent. 2023 lag die Zahl bei rund 5,65 Millionen. Überschuldet heißt: Die Schulden lassen sich aus Einkommen und Vermögen absehbar nicht mehr begleichen.
Wie hoch sind die Schulden im Durchschnitt?
Das Statistische Bundesamt erhebt die Überschuldungsstatistik aus Schuldnerberatungen: 2023 lag die durchschnittliche Schuldenhöhe bei rund 31.000 Euro. Das ist ein Durchschnitt – viele Fälle liegen deutlich darunter, wenige sehr weit darüber.
Hat jeder mit Schulden einen negativen SCHUFA-Eintrag?
Nein. Nach Angaben der SCHUFA liegen zu mehr als 90 Prozent der gespeicherten Personen ausschließlich positive Informationen vor. Ein negativer Eintrag entsteht erst, wenn eine Forderung nach den Regeln des § 31 BDSG gemeldet wird – nicht, weil jemand einen Kredit hat.
Welche Rolle spielt die SCHUFA im Vergleich zu anderen Auskunfteien?
Die SCHUFA ist die mit Abstand größte Auskunftei in Deutschland; daneben gibt es unter anderem Creditreform Boniversum, CRIF und infoscore. Alle unterliegen denselben Regeln der DSGVO und des BDSG – wer seine Datenkopie prüft, sollte sie bei mehreren anfordern.
Woher stammen die Zahlen in diesem Text?
Aus dem SchuldnerAtlas Deutschland der Creditreform (jährlich), der Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamts (Destatis), den Unternehmensangaben der SCHUFA Holding AG und der Insolvenzstatistik von Destatis. Die Jahresangaben stehen jeweils dabei.